Review of Her Mouth Is An Outlaw [12k1049]

Nonpop (DE)

Wie schön zu hören, dass eine gute Platte nicht immer große Geschichten und/oder exzentrische Musiker braucht, über die seitenlang palavert werden muss. AMPLIFIER MACHINE aus Australien sind absolut entspannt, nicht nur, was ihre Musik angeht. Das Projekt hat drei Mitglieder, welche allesamt schon seit Jahren bei diversen anderen, vorwiegend australischen und in Deutschland unbekannten Bands spielen: JAMES DIXON (u.a. SWORDFISH), SETH REES (u.a. THE SPHERES) und ALEX JARVIS (u.a. REGISTERED NURSE). Seit 2002 jammen die Musiker, Produzenten und Songwriter regelmäßig mit Klavier, Gitarre, Geige, Percussion und einem Korg-Synthesizer in einer alten Lagerhalle in Collingwood, einem Stadtbezirk von Melbourne. An die Öffentlichkeit drang während dieser Zeit nur eine Split-EP mit der australischen Post Rock-Band A-MO (Y’all Fatties Come Chew Some Freedom, 2004). Als ‘Post Rock’ werden auch AMPLIFIER MACHINE oft einsortiert, aber eigentlich sind sie für jede Art von Rock viel zu leise. Ihre erste eigene CD über volle Länge erscheint deshalb absolut passend bei dem New Yorker Label 12k, das für eher stille, experimentelle Elektronik und Akustik steht. (Der in Deutschland wohl bekannteste 12k-Act dürfte der Niederländer RUTGER ZUYDERVELT alias MACHINEFABRIEK sein.)

Die drei Australier leben im selben Universum der Langsamkeit wie die kürzlich besprochenen BOHREN & DER CLUB OF GORE. Ihr Sound hangelt sich ebenfalls von Ton zu Ton, ist reduziert und nur noch mit dem allernötigsten bekleidet. Eine melancholische Lässigkeit, wie sie vielen australischen Bands eigen ist, macht AMPLIFIER MACHINE allerdings viel weniger düster als die Doom-Jazzer. Die größtenteils akustischen, instrumentalen Ambient-Teppiche (oder, wegen der Länge von bis zu fast zehn Minuten eher -Läufer) verbreiten Wärme und Weite statt Untergang.

Gleich die erste dahingehauchte Folge von Gitarrenakkorden des Titelstücks (1) strahlt die schwer in Worte zu fassende Faszination des ganzen Werks aus. Die Töne steigen auf und ab, in weiten Teilen improvisiert wie viele Passagen der CD. Dazu gesellen sich ein paar lang anhaltende Sounds anderer Instrumente. Das genügt, um mehr als neun Minuten lang alle anderen Tätigkeiten einzustellen und zu lauschen. In Wirkung und Intensität sind dieses Stück und einige andere ähnlich wie Musik von SIGUR RÓS, AGITATED RADIO PILOT oder JULIA KENT. Beinahe eine Blutsverwandtschaft scheint zu dem hier besprochenen Album Second Childhood (u.a. Hildur Guðnadóttir) zu bestehen.

Die folgenden, undefinierbaren Geräusche (2) stammen aus dem Innern der Erde; tief, voll und sehr dronig geleiten sie zu minimalen Rhythmen am Ende des Tracks. Zwei staubige Westerngitarren jammen anschließend auf einer Veranda im Schaukelstuhl bei untergehender Sonne gegeneinander an (3), bevor der immer wieder auftauchende, sitarähnliche Klang einen der prächtigsten Momente von Her Mouth Is An Outlaw einläutet. Alle Instrumente finden ineinander (4), und AMPLIFIER MACHINE werden für einen kurzen Augenblick wuchtig, fast prätentiös in ihrer Schönheit. Ein knapp zweiminütiges SIGUR RÓS-Soundalike (5) führt zum poppigsten, weil melodiösesten Track (6), der mit mehreren Gitarrenspuren jedes Roadmovie von WIM WENDERS schmücken würde. Der Ausklang erfolgt spacig (7): Leise, wie aus weiter Ferne, verhallt ein Synthesizer.

Wahnsinn, welches Suchtpotential diese paar Töne erzeugen. Ein Fest für alle, die die Antriebslosigkeit ihrer Herbst-Depression positiv ausleben und gelegentlich gepflegt Dahinsinken wollen. Auf der Labelhomepage sowie den einschlägigen, unten verlinkten Seiten lassen sich einige Stücke des Albums anhören. – Michael We.

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