SOGAR

INTERVIEW: SOGAR: YOT (2003)

SOGAR
by TOBIAS LINDEMANN


Jürgen Heckel, ein Exil-Nürnberger in Paris, hat mir mit seinem zweiten unter dem Namen Sogar veröffentlichten Album “Stengel” den kompletten Herbst 2002 versüßt. Zugfahren, Spazierengehen, Supermarkt - so oft hatte ich schon lange nicht mehr den Walkman dabei, um nur einer, genau dieser Platte zu lauschen. Schönstes Knistern und Rauschen mit sehnsuchtsvollen, dezentesten Melodien - unglaublich gut!

Das Interview war damit natürlich beschlossene Sache und sollte eigentlich noch pünktlich zum Mini-Frankreich-Special im letzten Heft fertig werden, aber leider war Jürgen zu beschäftigt. Anfang Januar kam dann endlich die eMail mit seinen Antworten auf meine schon lange vorher gestellten Fragen...

Soviel ich weiß, hast Du vor einigen Jahren noch in Nürnberg gewohnt und lebst inzwischen in Paris. Warum bist Du aus Nürnberg weg und wie hat es Dich nach Frankreich verschlagen?

Dafür gab es eigentlich keinen speziellen Grund. Ich hatte damals 1993 eben einfach nur die Möglichkeit und vor allem auch die Lust aus Nürnberg wegzugehen. Vielleicht war es auch deswegen, weil zu dieser Zeit damals vieles in meinem Leben auseinanderging (Freundschaften, Liebe, Band, Arbeit) und ich nach einen Neuanfang suchte.
Im Nachhinein betrachtet war es ein ziemlich gewagter Akt, denn die Stadt Paris kannte ich nicht ausreichend gut, um zu wissen, wie man dort Fuß fässt. Dazu kam noch, daß ich weder die Sprache, noch irgendwelche Leute in Frankreich kannte. - Heute würde ich mir so was nicht mehr trauen smile

Wann hast Du angefangen, Musik zu machen, und wie hast Du Dich zu einem Sound wie dem von Sogar hinentwickelt?

Ich begann ziemlich spät mich überhaupt für Musik zu interessieren. Erst als 15jähriger kaufte ich mir meine erste Platte! Als ich 17 war entdeckte ich für mich Sonic Youth, Dinosaur Jr. und ähnliche Bands. Diese Art von Musik inspirierte mich dazu, es auf der Gitarre zu versuchen. Von diesem Moment an war ich an den Klängen interessiert, die dadurch entstehen, wenn man Instrumente elektrisch verstärkt und somit nicht nur den eigentlich Sound eines Instrumentes beschreiben, sondern sozusagen auch die Parasiten Sounds, Nebenprodukte einer elektrischen Verstärkung. Genau diese Parasitenklänge waren ja z.B. bei Sonic Youth fester Bestandteil der Komposition.
Vor einigen Jahren, noch in meiner damaligen Band, verbrachte Ich Stunden damit, die komplette Bandbreite der musikalischen sowie nichtmusikalischen Klänge eines Gitarrenoder Bassverstärkers auszukundschaften. Es war unwichtig, ob ich dabei nun die Gitarre «spielte» oder nur an den Knöpfen des Verstärkers drehte, während die auf dem Boden liegende Gitarre Rückkopplungen erzeugte. Es war auch unwichtig, ob das, was da zu hören war, als Musik verstanden werden konnte oder nicht. Wichtig war die Andersartigkeit der Klänge die aus den Lautsprechern kam. Das Knacken beim Ein- und Ausstecken eines Kabels in einen Verstärker, oder dessen Grundrauschen, Rückkopplungen, Verzerrungen und ähnliches, alleswas normalerweise in herkömmlichen Produktionsstudios inden Abfall wandert, wurde die Grundlage meiner Musik. Ich denke, daß die Musik meines Solo-Projektes Sogar eigentlich nur die Ausgliederung des reinen Instrumentenklangs ist, ohne auf Melodie und Rhythmik zu verzichten.

Was für Sounds verwendest Du? Obwohl alles sehr digital klingt, scheint für mich oft die Atmosphäre von Samples mitzuschweben...

Samples hat es bei mir nie gegeben. Vor allem das, was man üblicherweise darunter versteht, nämlich schon vorhandenes, fertiges Soundmaterial zu verwenden, indem man es als eine Klangquelle in seine Musik einbaut. Erst vor kurzem erschien auf dem italienischen mp3-Label tu’mp3 ein Stück von mir, wo ich hauptsächlich meine Gitarrensounds verwendete. Nachdem ich dann diese Gitarrensounds im Computer fast bis zur Unkenntlichkeit manipuliert hatte, wurde daraus ein ganzes Streichorchester. Ein Außenstehender könnte also nicht mehr sagen, ob nun eine Gitarre oder der Sample eines Streichorchesters Klangquelle war. Demzufolge kann ich es niemanden für übel nehmen, der annimmt, daß ich Samples in meiner Musik verwende. Mich ärgert es nur dann, wenn Journalisten felsenfest davon überzeugt sind, daß ich Samples benutze, ohne mich je nach meinen Soundquellen oder Arbeitsweisen gefragt zu haben. Ansonsten verwende ich zu 40-50% auch heute noch die Sounds, die aus der Zeit stammen, als ich noch keinen Computer benutzte. Man muß sich das so vorstellen: ich verkabelte damals alle möglichen, mir zugänglichen Verstärker, Gitarren, Mischpulte, Effektpedale, HiFi-Geräte irgendwie miteinander, um dann damit irgendwelche Sounds zu produzieren. All die Sounds die mir interessant schienen nahm ich dann auf meinen Minidisc-Playern auf. Mit den Minidisc-Playern fing ich anschließend an die Sounds zu loopen. So entstanden rhythmische, melodische oder lärmende Loops, die ich dann Stück für Stück am Mischpult mühselig bastelnd zusammenmixte. Daraus wurden musikalische Strukturen, die sich natürlich sehr experimental, repetitiv und minimal anhörten. Aber so sollte es auch sein. Vor allem verhalf mir diese experimentierfreudige Zeit dazu, eine große Soundbank anzulegen. Als ich mir einen Computer zulegte, wanderte alles was ich da auf den Minidiscs aufnahm auf die Harddisk. Heute sind Sinustongeneratoren und meine Gitarredie anderen beiden hauptsächlichen Soundquellen für meine Musik. Normalerweise manipuliere, verändere und recycle ich am Computer eine Soundquelle dermaßen, daß mir die Herkunft eines in einem Stück verwendeten Sounds völlig unklar ist. Frage mich z.B. also nicht, ob die Melodie des dritten Stückes auf meiner CD von einer Gitarre oder einem Sinustongenerator kommt. Eines ist gewiß, es ist sicherlich kein Sample oder Synthesizer smile

Die Stücke auf dem “Stengel”-Album gehen ineinander über, erscheinen dann wie ein Track, dennoch gibt es eine stringente Dramaturgie. Wie wählst Du die Stücke aus und wie kommst Du zu einer Reihenfolge?

Ich wollte ein stilistisch eindimensionales und kohärentes Album machen, auf dem die einzelnen Stücke sich logisch folgern. Referenz war für mich die B-Seite des “Ben Hur” Albums von “Bitch Magnet” (eine amerikanische Instrumental-Hardcore-Band in den Neunzigern). Auf diesem Album konnte ich nie genau sagen, welchen Liedtitel ich gerade höre. Auch wenn ich es noch so oft anhörte. Alle Stücke klangen ähnlich, und doch gab es immer wieder von neuem so viele winzige und wichtige Details zu entdecken. Eine Auswahl der Stücke mußte ich für “Stengel” nicht treffen. ich gab nur von Anfang an acht, meine Grundidee zu verfolgen. Ich arbeite dann solange an einem Stück bis es eben wirklich fertig ist. Das heißt, bis es mit der Grundidee des Albums im Einklang ist. Manchmal feile ich monatelang an einem Stück, bis es die Gestalt annimmt, die ich mir vorstelle. Auf alle Fälle möchte ich es bei meiner Musik grundsätzlich verhindern, angefangene Arbeiten wegzuwerfen. Das würde mir die Lust an dem Ganzen verderben.

Ein Klischee für elektronische Musik ist ja “der Soundtrack für einen Film im Kopf”. Dennoch trifft das auf Deine Musik sehr gut zu, man kann sich gar nicht wehren, die Bilder kommen von ganz alleine *-) Wirft bei mir die Frage auf: was inspiriert Dich zum Musik machen?

Ich mache keine Musik die man auch alsSoundtrack benutzen kann. Wenn den Leuten beim Hören meiner Musik Farben, Formen oder ganze Bilder durch den Kopf schwirren, dann ist das nur gut so. Sie lassen sich sozusagen von meiner Musik beeinflussen, um ihren eigenen ganz persönlichen Film zu machen. Deswegen geht es auch völlig in Ordnung, wenn ein Videokünstler oder Photograf sich von meiner Musik inspirieren läßt, um eine visuelle Übersetzung oder Ergänzung meiner Musik auszuarbeiten. Andersherum finde ich es ebenso spannend, eine musikalische Ergänzung für z.B. einen Film zu schaffen. Bestenfalls sollte Musik und Bild im gleichen Moment entstehen. Musiker und visueller Künstler sollten gleichzeitig in enger Zusammenarbeit an der Struktur eines Bild-Klang-Projektes bauen. Die Gleichberechtigung von Bild und Klang ist genau das, was ich auch zur Zeit mit zwei Videokünstlern versuche umzusetzen Ich finde es ungeheuer schwierig, Musik und Film miteinander zu vereinen. Vor allem, wenn beide unabhängig und unbeeinflußt voneinander entstehen. Es muß eben von vornherein klar sein, ob ich nun Musik für eine CD mache, oder für einen Film. Ich kann doch nicht einfach irgendwelche Bilder auf egal welche Musik kleben und umgekehrt ...!?
Meine Inspirationen, oder besser gesagt, das Verlangen sich mit Klang/ Musik auseinanderzusetzen, sind rein akustischer Herkunft. Man hat ja in einer Stadt wie Paris einen enormen
Lärmpegel, oder um es anders auszudrücken, eine Geräuschkulisse, mit unendlicher klanglicher Vielfalt. Was einem da so alles an musikalischen und nichtmusikalischen Geräuschen zu Ohren kommt ist unglaublich. Man muß natürlich für diese Geräusche schon ein offenes Ohr haben, und die Vorstellungskraft, wie man diese Klänge für sich selber musikalisch nutzen kann. Da ich nicht mit einem Mikrophon bewaffnet durch die Stadt laufe, also keine Field Recordings benutze, bin ich dazu verpflichtet, meine klanglichen Impressionen mit Computersoftware nachzustellen. Was ich letztendlich sowieso interessanter finde.

In gewisser Hinsicht führt Sogar für mich einen Ansatz weiter, den früher z. B. Oval verfolgt haben, bevor bei ihnen alles ins rein Technische abkippte. Wie siehst Du die Entwicklung dieses “Glitch”-Sounds? Und was ist Dir wichtiger, Emotion oder Technologie?

Leider sitzt du mir jetzt nicht gegenüber, lieber Tobias. Das ist der Nachteil von E-Mail Interviews. So könntest du mir nämlich erklären, welchen Ansatz ich weiterführe, den Ovalfrüher mal verfolgte ... ? Ich liebe und respektiere die Arbeiten von Markus Popp. Doch warum muß ich denn immer mit Oval in Zusammenhang gebracht werden. Klar, ich würde lügen, wenn ich behaupte, daß Oval’s Musik keinen Einfluß auf meine Musik gehabt hätte. Doch es gab und gibt so dermaßen viele andere Einflüsse für mich, die ganz und gar nichts mit der Musik von Oval, und wenn wir schon bei Schubladen sind, mit “glitch” zu tun haben. Meiner Meinung nach kippte bei Oval nie etwas ins “rein technische” ab. Für mich verfolgt er ganz klar seinen “Ansatz”. Nämlich die Evolution der Musik nicht zu stoppen. Viel lieber wäre mir gewesen, du hättest mir die Frage gestellt, ob ich glaube, daß bei Blumfeld oder Tocotronic alles ins rein Kommerzielle abkippte smile

Die Frage, was mir wichtiger ist, Emotion oder Technologie, möchte ich zuerst unabhängig von meiner Musik beantworten: Beides ist mir wichtig, doch bitte alles zu seiner Zeit und am
richtigen Ort. In Bezug auf meine Musik ist Technologie für mich deswegen wichtig, weil die Software/Hardware es mir ermöglicht, genau das ausdrücken was ich auch wirklich hören möchte. Einzig und allein mit einer E-Gitarre hätte ich persönlich da schon meine Probleme. Mir reichte die klangliche Vielfalt, die mir ein solches Instrument bietet, irgendwann einfach nicht mehr aus. Ansonsten sollte meine Musik doch auch anders als nur technisch klingen. Für diejenigen die meine Musik hören, sollte die von mir benutzte Technik keine Rolle spielen. Denn da sollte der Klang im Vordergrund stehen. Ich verstehe nicht, daß sobald du mit einem Laptop auf der Bühne bist, die Technik immer gleich so eine große Rolle spielen muß. Wie gesagt, es geht um den Klang. Und bei meinen Live Performances versuche ich die Leute für 45 Minuten für eben diesen Klang zu sensibilisieren. Es gibt ja nichts frustrierenderes, als wenn die Leute nach dem Livekonzert zu mir kommen und fragen, welche Software ich benutze. Damals, als ich mit einer Gitarre auf der Bühne war, fragte mich auch keiner welche Gitarrensaiten ich verwende ... soviel zur Technologie.

Emotion ist ein schwergewichtiges Wort, welches ich gerne von meiner Musik distanziere. Sicherlich soll meine Musik nicht “emotionslos” im Sinne von “unmenschlich” klingen. Trotzdem spielen für mich Gefühle wie Freude, Leid, Trauer, Glück bei der Arbeit an meiner Musik nur eine untergeordnete, wenn nicht sogar überhaupt keine Rolle. Bewußt gibt es keine Emotionen, die mich bei der Arbeit an meiner Musik beeinflussen. Was sich allerdings in mir unterbewusst abspielt kann ich nicht sagen. Doch sicherlich ist für viele Musiker das Unterbewußtsein ein sehr viel subtilerer kreativer Motor als daß daraus nur so etwas wie Liebeslieder oder Protestsongs resultieren smile

Was elektronische Musik angeht wird Frankreich hierzulandeziemlich häufig als Entwicklungsland abgetan, die Leute sehen nur Air, Filterhouse, F-Com etc. Wie stellt sich für Dich die französische Elektronikszene dar? Was findest Du an Labels und KünstlerInnen spannend?

Was! In Sachen elektronische Musik ist Frankreich für die Deutschen Entwicklungsland? Klar ist Air, Daft Punk und der Rest schon ziemlich passé. Aber das es so schlimm ist, dachte ich nun wirklich nicht...Entwicklungsland!? Active Suspension und Peter I’m Flying sind z.B. zwei französische Labels, die ich sehr gerne mag. Ansonsten finde ich die Musik von den Ultra Milkmaids oder Fabriquedecouleurs äußerst innovativ und sehr, sehr interessant! Auch wenn es sich hierbei nicht um Franzosen handelt, möchte ich aber die Gelegenheit nutzen, meine aktuellen Favourites zu nennen. Da wären z.B. Christopher Willits und Taylor Deupree auf dem New Yorker Label 12K. Die Italiener von Mou,lips! auf dem französischem Label list. Und in Japan Aoki Takamasa, Tanaka Akira und die Bands Fonica und Minamo. Außerdem möchte ich das Debüt-Album von dem “Songwriter” David Balula auf Active Suspension wärmstens empfehlen.

Inzwischen gibt es weitere Neuigkeiten von Jürgen Heckel. 12k, das Brooklyner Label von Taylor Deupree, veröffentlicht Anfang Februar die neue Sogar-CD “apikal.blend”. Jürgen meint zu seinem neuen Album: “Im Vergleich zu ‘Stengel’ endstand die neue CD über einen sehr viel längeren Zeitraum hinweg, ist also weniger in einem Stück entstanden. Meine Arbeitsweise hat sich bei dieser CD nicht geändert. Persönlich meine ich aber, dass das neue Album aggressiver als ‘Stengel’ klingt. Es wird außerdem das erste 12k- Digipack-Album sein! Darüber bin ich natürlich super glücklich!” Und auch die nächsten Monate werden arbeitsreich. Nach einer Japan-Tour Anfang Februar wird Sogar noch einen Remix für Yoshihiri Hanno vom Progressive_Form-Label fertigstellen (siehe auch Homeentertainment in diesem Heft), im Mai bereits erscheint ein Remixalbum, u. a. mit Beiträgen von Terre Thaemlitz und Jim O’Rourke. Und das italienische Label mr.mutt wird im Rahmen einer Live-CD-Serie Mitschnitte von der Sogar-/12k-Japan-Tour veröffentlichen.
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